Windisch-Oberburg: Neue Publikation beleuchtet 320 Gräber aus vier Jahrhunderten
von belmedia Redaktion Aargau Allgemein Archäologie Bildung Bildung & Arbeit Denkmalpflege denkmalpflege-schweiz.ch Denkmalschutz Events Forschung Kultur Magazine nachrichtenticker.ch News Regionen reiseziele.ch Schweiz Themen tourismus.ch Verbreitung
Eine neue Publikation der Kantonsarchäologie zum spätrömisch-frühmittelalterlichen Gräberfeld im Windischer Ortsteil Oberburg wirft ein Licht auf über 320 Bestattungen von Menschen, die zwischen dem 4. und 7. Jahrhundert n. Chr. am Platz des ehemaligen Legionslagers gelebt haben. Die Vernissage der Publikation findet am 1. September 2026 im Vindonissa Museum statt.
Die Funddichte in Vindonissa ist besonders für die Zeit der römischen Legionen (ca. 16−101 n. Chr.) hoch. Über die Zeit danach, die Spätantike und das Frühmittelalter, ist weniger bekannt. Nun ist mit der Publikation „Grabfunde Oberburg“ der Kantonsarchäologie ein wichtiger Referenzkomplex für die provinzialrömische Archäologie und die Archäologie des frühen Mittelalters veröffentlicht worden. Es war eine wechselvolle Geschichte, bis das Buch nun endlich gedruckt vorlag.
Über 320 Bestattungen
Unter der Leitung des damaligen Kantonsarchäologen Martin Hartmann führte die Kantonsarchäologie 1975/76 und 1979 an einem Hang südlich des kaiserzeitlichen Legionslagers Vindonissa Ausgrabungen im spätrömisch-frühmittelalterlichen Gräberfeld Oberburg durch. Seinerzeit wurde eine Vielzahl an Befunden dokumentiert: mehr als 320 Körperbestattungen, vorwiegend des 4. und 5. Jahrhunderts n. Chr., einige frührömische Brandgräber, ein mutmasslich frühkaiserzeitlicher Spitzgraben, Reste einer römischen Wasserleitung und sechs früh- oder hochmittelalterliche Grubenhäuser.
Die spätrömischen Gräber wurden, ergänzt durch Befunde und Funde älterer Grabungen, im Jahr 1981 von Hartmann in einer Dissertation an der Universität Zürich bearbeitet. Diese Studie war seinerzeit zur Publikation vorgesehen. Zeit- und Personalmangel verzögerten jedoch zunächst eine zeitnahe Drucklegung, unglückliche Umstände verhinderten sie schliesslich ganz.
Wissenschaftlicher Nachlass mündet in ein Buch
Nach dem Tod von Martin Hartmann im Jahr 2017 kam sein wissenschaftlicher Nachlass 2018 an die Kantonsarchäologie, darunter auch verschiedene Versionen des zum Druck vorgesehenen Manuskripts. Wegen der Bedeutung des Gräberfelds Windisch-Oberburg für die Geschichte von Vindonissa und der Schweiz zwischen Antike und Mittelalter entschloss sich die Kantonsarchäologie dazu, das Manuskript im Druck vorzulegen.
Dabei galt es, Duktus und Stil des nachgelassenen Manuskripts zu bewahren, andererseits sollte mithilfe ergänzender Text- und Bildteile ein wissenschaftlicher Mehrwert gewonnen werden. Deshalb sind dem ursprünglichen Text von Martin Hartmann aktuelle Bemerkungen von Jürgen Trumm, Leiter Ausgrabungen Vindonissa, zur Entdeckungsgeschichte des Gräberfelds, zu den damaligen Ausgrabungen und zur wechselvollen Geschichte der geplanten Drucklegung vorausgeschickt.
Weitere Einblicke in die römische Vergangenheit der Region bietet ein redaktioneller Beitrag über den römischen Ziergarten beim Vindonissa Museum in Brugg. Der 2021 erschienene Artikel beleuchtet die archäologisch belegte Pflanzenwelt und die Rekonstruktion eines Gartens aus römischer Zeit.
Silber-vergoldete Trachtbestandteile und koptische Schriftzeichen
Kern des Buchs bildet der Katalog der Gräber aus den Ausgrabungen von 1975/76 und 1979, ergänzt mit weiteren Grabfunden von 1926, 1940 und 1949. Nur wenige Gräber enthalten Grabbeigaben des 4. Jahrhunderts n. Chr. Die Nekropole dehnte sich im Lauf der Zeit offenbar weiter hangaufwärts nach Südosten aus. Die jüngsten Gräber des 7. Jahrhunderts n. Chr. weisen wieder vermehrt Beigaben auf, darunter auch reichhaltige Waffenausrüstungen.
Aus der spätrömischen Bestattung einer Frau und eines Kindes stammen silberne bzw. vergoldete Trachtbestandteile, die weitreichende Beziehungen innerhalb des spätrömischen Reichs erkennen lassen. In einem anderen Grab waren der verstorbenen Person Gold- und Silberbleche mit koptischen Schriftzeichen mitgegeben – ein schweizweit einmaliger Fund. Diese und andere Windischer Funde waren schon kurz nach ihrer Entdeckung in einer vielbeachteten Ausstellung in Mainz und Paris ausgestellt und wurden in der internationalen Forschung vielfach diskutiert.
Wie bedeutend archäologische Funde für die Erforschung der römischen Vergangenheit des Aargaus sind, zeigt auch ein Beitrag auf denkmalpflege-schweiz.ch über römische Ausgrabungen der Kantonsarchäologie Aargau in Baden. Dort wurden unter anderem Überreste römischer Holz- und Steinbauten sowie ein fast 2000 Jahre altes Bassin freigelegt.
Eine längst fällige Vernissage
Nun ist die wechselvolle Geschichte der „Grabfunde Oberburg“ mit der gleichnamigen Publikation zu einem guten Ende gekommen: Mehr als 45 Jahre nach Abschluss der damaligen Ausgrabungen kann der Text der Dissertation von Martin Hartmann erscheinen. Die Publikation wurde mit zahlreichen Farbfotos der Grabfunde – zu Hartmanns Zeiten noch undenkbar – aufgewertet und mit sieben aktualisierten Planbeilagen versehen.
Die Publikation ist beim Verlag Librum Publishers & Editors als gedrucktes Buch erhältlich sowie als digitale Publikation kostenfrei im Download zugänglich. Die im Hinblick auf die lange Geschichte längst fällige Vernissage findet am Dienstag, 1. September 2026 um 19.00 Uhr im Vindonissa Museum in Brugg statt. Nach einer Begrüssung durch die Museumsleitung, den Kantonsarchäologen und die Gesellschaft Pro Vindonissa berichtet Jürgen Trumm als Herausgeber des Buchs mit einer Bilderschau von den damaligen Ausgrabungen auf der Oberburg. Im Anschluss wird ein kleiner Apéro serviert, alle Interessierten sind herzlich willkommen.
Grabfunde Oberburg
Die Publikation ist als Band XXXII in der Reihe Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa erschienen und erhältlich im Buchhandel oder als kostenfreier Download auf der Website Grabfunde Oberburg – Librum Publishers & Editors.
Quelle: Kanton Aargau
Bildquelle: Kanton Aargau