Schweizerischer Nationalpark: Wildnis, Wandern und Tierbeobachtungen im Engadin

Im Schweizerischen Nationalpark gelten Regeln, die in gewöhnlichen Ferienregionen ungewohnt streng wirken: Wanderwege dürfen nicht verlassen werden, Hunde bleiben draussen, Pflanzen und Steine müssen an ihrem Platz bleiben, Feuer und Camping sind verboten. Genau darin liegt der besondere Reiz dieses Schutzgebiets im Engadin. Auf 170,3 Quadratkilometern soll sich die Natur möglichst ohne menschliche Eingriffe entwickeln. Wanderer erleben Bergföhrenwälder, alpine Matten, Geröllfelder und Täler, in denen Rothirsche, Steinböcke, Gämsen und Murmeltiere leben und Bartgeier über den Felsflanken kreisen.

Der 1914 gegründete Schweizerische Nationalpark ist zugleich Naturreservat, Forschungsgebiet und aussergewöhnliches Reiseziel. Rund 100 Kilometer markierte Wege verteilen sich auf 21 offizielle Wanderrouten. Familien können Naturlehrpfade erkunden, erfahrene Wanderer erreichen abgelegene Übergänge und hochalpine Seen, und in Zernez vermittelt das Nationalparkzentrum einen Einstieg in die Tierwelt, Geschichte und Forschung. Wer mehrere Tage bleibt, kann den Aufenthalt mit dem Unterengadin, dem Val Müstair oder einer Nacht in der einsamen Chamanna Cluozza verbinden.

Der älteste Nationalpark der Alpen

Der Schweizerische Nationalpark wurde am 1. August 1914 gegründet. Seine Vorgeschichte reicht noch einige Jahre weiter zurück: Bereits 1909 stellte die Gemeinde Zernez die Val Cluozza für das entstehende Schutzgebiet zur Verfügung.

Heute umfasst der Park 170,3 Quadratkilometer beziehungsweise 17’030 Hektaren. Flächen liegen auf dem Gebiet von Zernez, S-chanf, Scuol und Val Müstair. Rund zwei Drittel des Nationalparkgebiets gehören zur Gemeinde Zernez.

Seine Gründungsidee unterschied sich von einem klassischen Landschaftspark. Hier sollte die Natur nicht gestaltet, gepflegt oder touristisch inszeniert werden. Ziel war und ist ein Gebiet, in dem natürliche Prozesse möglichst unbeeinflusst ablaufen können.

Umgestürzte Bäume bleiben deshalb liegen. Lawinenzüge verändern Hänge. Bäche suchen sich ihren Weg. Tiere nutzen Lebensräume ohne landwirtschaftliche Bewirtschaftung, und abgestorbenes Holz wird Teil des natürlichen Kreislaufs.

Das macht den Nationalpark zugleich zu einem wichtigen Forschungsgebiet. Seit mehr als einem Jahrhundert können Wissenschaftler untersuchen, wie sich alpine Ökosysteme entwickeln, wenn menschliche Eingriffe weitgehend ausbleiben.



Strenger Schutz verändert das Reiseerlebnis

Der Nationalpark ist kein Freizeitpark mit Naturschutzkulisse. Besucher bewegen sich in einem Gebiet, in dem der Schutz der Natur Vorrang besitzt.

Die wichtigsten Regeln sind deshalb eindeutig:

  • Markierte Wanderwege dürfen nicht verlassen werden.
  • Auch die gekennzeichneten Rastplätze dürfen nicht beliebig erweitert werden.
  • Hunde sind im gesamten Nationalpark verboten, auch an der Leine.
  • Pflanzen, Tiere, Steine, Holz und andere Naturgegenstände dürfen weder gesammelt noch mitgenommen werden.
  • Feuer machen ist verboten.
  • Campieren und Biwakieren sind nicht erlaubt.
  • Der Aufenthalt im Park ist grundsätzlich nur tagsüber gestattet.
  • Wintersport ist innerhalb des Nationalparks nicht erlaubt.

Auch Mountainbikes gehören nicht auf die Wanderwege des Schutzgebiets. Rad- und Bikeangebote finden sich in der umliegenden Ferienregion, nicht auf den Nationalparkrouten selbst.

Die Regeln verändern die Art, wie Natur erlebt wird. Ein schöner Stein bleibt liegen. Ein Alpenblümchen wird fotografiert statt gepflückt. Für ein besseres Tierfoto darf niemand quer über eine Wiese laufen.

Wer sich darauf einlässt, erlebt eine Form des Tourismus, bei der Beobachtung wichtiger ist als Nutzung.

Zernez ist das Tor zum Nationalpark

Für viele Reisen beginnt der Nationalpark in Zernez.

Das Engadiner Dorf liegt an einem wichtigen Verkehrsknoten zwischen Oberengadin, Unterengadin, Ofenpass und Val Müstair. Hier befinden sich sowohl die Nationalparkverwaltung im Schloss Planta-Wildenberg als auch das Nationalparkzentrum.

Vor einer ersten Wanderung lohnt sich ein Besuch des Zentrums besonders.

Die permanente Ausstellung vermittelt, wie sich Wildnis entwickelt und welche Tiere und Pflanzen im Park leben. Historische Stationen erzählen von der Entstehung des Schutzgebiets, während interaktive Elemente den Park auch für Kinder zugänglich machen.

Für jüngere Besucher gibt es ein eigenes Hörspiel und Spielstationen.

Mindestens ebenso praktisch ist die Infotheke. Dort gibt es Informationen über aktuelle Wegzustände, Wanderungen, geführte Exkursionen und Wetterbedingungen. Feldstecher können gemietet werden.

Im Sommer 2026 ist das Nationalparkzentrum vom 14. Mai bis 25. Oktober täglich von 8.30 bis 18 Uhr geöffnet.

100 Kilometer Wege: Wandern ist die wichtigste Aktivität

Im Nationalpark gibt es rund 100 Kilometer markierte Wanderwege und 21 offizielle Routen.

Das klingt im Vergleich mit grossen Wanderregionen zunächst überschaubar. Die Strecken führen jedoch häufig über beträchtliche Höhenunterschiede und durch anspruchsvolles Gelände.

Viele Wege steigen über die Waldgrenze hinaus. Wetter und Temperaturen können sich rasch verändern, und Mobilfunkempfang besteht nicht überall.

Gute Wanderschuhe, warme Kleidung, Regen- und Sonnenschutz sowie ausreichend Wasser gehören deshalb auch bei schönem Wetter in den Rucksack.

Ein Fernglas ist ebenfalls sinnvoll. Die Parkverwaltung empfiehlt es ausdrücklich für Tierbeobachtungen.


Die Wanderwege bilden die einzige reguläre Möglichkeit, sich durch den Nationalpark zu bewegen. Wer Tiere beobachten möchte, bleibt auf dem Weg und nutzt idealerweise ein Fernglas.

Val Trupchun: eines der besten Täler für Tierbeobachtungen

Die Val Trupchun gehört zu den berühmtesten Wandergebieten des Parks.

Das Tal ist besonders für seine Tierwelt bekannt. Rothirsche, Steinböcke, Gämsen und Murmeltiere können mit etwas Geduld beobachtet werden.

Ein Höhepunkt des Jahres ist die Hirschbrunft ab Mitte September.

Dann hallen die Rufe der Hirsche durch das Tal. Für viele Naturfreunde ist diese Zeit einer der wichtigsten Gründe, den Nationalpark im Herbst zu besuchen.

Die Tiere bleiben Wildtiere. Eine Sichtung ist deshalb nie garantiert.

Gerade das unterscheidet den Park von einem Tierpark: Niemand weiss vorher, ob am Hang tatsächlich ein Steinbock erscheint oder ob der Bartgeier an diesem Nachmittag über das Tal zieht.

Wer beobachten möchte, braucht Zeit, Distanz und Ruhe.

Steinböcke, Murmeltiere und Gämsen

Alpensteinböcke lassen sich während der ganzen Wandersaison beobachten. Im Hochsommer ziehen sie häufig in höher gelegene Bereiche, weil ihnen grosse Hitze wenig behagt.

Als gute Beobachtungsgebiete nennt der Nationalpark unter anderem die Fuorcla Trupchun und den Murtersattel.

Murmeltiere sind leichter akustisch zu entdecken.

Ihr charakteristischer Warnruf ist streng genommen kein Pfiff, sondern ein Schrei. Bei Gefahr verschwinden die Tiere rasch in ihren weit verzweigten Bauen.

Beobachtet werden können sie beispielsweise bei Stabelchod, Grimmels, in der Val Trupchun, am Murter und in der Val Mingèr.

Auch Gämsen gehören zur typischen Tierwelt.

Gerade bei Wildtierbeobachtungen zeigt sich der Vorteil der strengen Wegpflicht: Tiere lernen, dass Menschen auf bestimmten Korridoren bleiben. Wer die Wege verlässt, zerstört genau diese Berechenbarkeit.

Bartgeier und Steinadler über den Bergen

Der Blick sollte im Nationalpark nicht nur auf den Boden und die Hänge gerichtet sein.

Steinadler und Bartgeier nutzen die thermischen Aufwinde und können über längere Zeit fast ohne Flügelschlag kreisen.

Der Bartgeier ist besonders eindrucksvoll. Erwachsene Tiere erreichen eine Flügelspannweite von bis zu etwa 2,8 Metern. Sein rautenförmiger Schwanz unterscheidet ihn vom Steinadler mit seinem stärker fächerförmigen Schwanz.

Bartgeier waren im Alpenraum im 19. Jahrhundert ausgerottet worden. Ihre erfolgreiche Wiederansiedlung gehört zu den bedeutenden Naturschutzgeschichten der Alpen.

Wer Murmeltiere plötzlich Warnrufe ausstossen hört, sollte deshalb auch einmal nach oben schauen.

Margunet: Naturlehrpfad für Familien

Der Schweizerische Nationalpark eignet sich auch für Familien, allerdings nicht für jeden Altersabschnitt und nicht auf jedem Weg.

Kinderwagen können auf den Parkwegen nicht eingesetzt werden.

Für Familien mit lauf- und wanderfreudigen Kindern ist der Naturlehrpfad Margunet dagegen besonders interessant.

Er beginnt beim Hotel Parc Naziunal Il Fuorn und folgt der offiziellen Route 17. An insgesamt 45 Standorten erklären Tafeln die unmittelbar sichtbare Natur.

Kinder und Erwachsene erhalten unterschiedliche Zugänge zu denselben Themen.

Für die Tour sollte etwa ein halber Tag eingeplant werden.

Der Start- und Endbereich ist mit dem Postauto erreichbar, wodurch sich die Wanderung gut ohne Auto organisieren lässt.

Champlönch: entdecken statt Kilometer sammeln

Auch der Kinderpfad Champlönch wurde speziell für Familien entwickelt.

Hier steht weniger eine sportliche Leistung im Mittelpunkt als das genaue Beobachten. Digitale beziehungsweise akustische Inhalte greifen Pflanzen, Tiere und historische Veränderungen der Landschaft auf.

Kinder sollen beispielsweise erkennen, welche Spuren Tiere hinterlassen oder wie eine Alp aussah, bevor sie Teil des Nationalparks wurde.

Das passt gut zur Grundidee des Parks: Natur wird nicht durch zusätzliche Attraktionen interessanter gemacht. Interessant wird sie, wenn genauer hingeschaut wird.

Nationalpark mit Kindern: weniger Programm ist oft mehr

Ein Nationalparktag mit Kindern sollte nicht wie eine möglichst lange Bergwanderung geplant werden.

Ein Fernglas, eine Pause an einem erlaubten Rastplatz und genügend Zeit zum Beobachten können spannender sein als zusätzliche Kilometer.

Zu den familienfreundlichen Angeboten rund um den Nationalpark gehören:

  • Nationalparkzentrum in Zernez
  • Naturlehrpfad Margunet
  • Kinderpfad Champlönch
  • Familienexkursionen des Nationalparks
  • Bärenerlebnisweg Senda da l’uors
  • Museum Schmelzra in S-charl
  • ausgewählte Wanderungen zur Chamanna Cluozza

Wichtig bleibt die Vorbereitung. Die offiziellen Angaben zu Länge, Höhenmetern und aktuellem Wegzustand sollten vor jeder Tour geprüft werden.

Die Chamanna Cluozza: eine Nacht mitten im Schutzgebiet

Eine der ungewöhnlichsten Möglichkeiten, den Nationalpark zu erleben, ist eine Übernachtung in der Chamanna Cluozza.

Die Hütte liegt auf 1’882 Metern in der Val Cluozza und ist die einzige bewirtete Hütte im eigentlichen Nationalpark.

Sie besitzt 61 einfache Schlafplätze in Mehrbettzimmern und Matratzenlagern.

Der Aufenthalt ist bewusst schlicht. Eine biologische Abwasserreinigung und ein kleines Wasserkraftwerk gehören zum nachhaltigen Betrieb. Duschen gibt es nicht, unter anderem um Wasser- und Energieverbrauch niedrig zu halten.

Serviert werden regionale Produkte und hausgemachte Speisen.

Die Hütte ist ausschliesslich zu Fuss erreichbar.

Der direkte Zustieg von Zernez führt über die offizielle Route 07. Für die acht Kilometer werden rund dreieinhalb Stunden angegeben; die Schwierigkeit liegt bei T2+.

Für 2026 ist die Hütte voraussichtlich vom 4. Juni bis 17. Oktober geöffnet.

Übernachten im Park bleibt die Ausnahme

Die Chamanna Cluozza besitzt eine besondere Stellung, weil Übernachten im Nationalpark ansonsten stark eingeschränkt ist.

Eine zweite Unterkunft innerhalb des Schutzgebiets ist das Hotel Parc Naziunal Il Fuorn an der Ofenpassstrasse.

Rund um den Nationalpark ist die Auswahl deutlich grösser.

Zernez eignet sich besonders als Standort, weil Bahn, Postauto, Nationalparkzentrum und mehrere Wanderzugänge gut erreichbar sind.

Auch Scuol und die Orte des Val Müstair bieten Hotels, Gasthäuser und Ferienwohnungen.

Für einen mehrtägigen Aufenthalt muss daher niemand jede Nacht am gleichen Ort verbringen.


Die Ofenpassstrasse durchquert einen Teil des Nationalparkgebiets und verbindet das Engadin mit dem Val Müstair. Zahlreiche Wanderrouten lassen sich mit Postauto-Haltestellen kombinieren.

Mit Bahn und Postauto anreisen

Der Nationalpark lässt sich sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln entdecken.

Zernez ist mit der Rhätischen Bahn erreichbar. Vom Bahnhof liegt das Nationalparkzentrum rund zehn Gehminuten entfernt.

Mehrere Postauto-Haltestellen erschliessen anschliessend die Ofenpassregion und verschiedene Wanderzugänge.

Das hat einen grossen praktischen Vorteil: Wanderungen müssen nicht zwangsläufig dort enden, wo morgens das Auto abgestellt wurde.

Start- und Endpunkte können unterschiedlich gewählt werden.

Der Nationalpark empfiehlt selbst ausdrücklich die Anreise mit Bahn und Bus.

2026 gibt es zudem für bestimmte Aufenthalte in Schweizer Pärken ein Angebot mit 50 Prozent Rabatt auf die Hin- und Rückreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Bedingungen und Verfügbarkeit sollten vor der Buchung aktuell geprüft werden.

Ofenpass: eine Strasse durch die Wildnis

Der Pass dal Fuorn, deutsch Ofenpass, verbindet das Engadin mit dem Val Müstair.

Die Strasse führt durch beziehungsweise entlang wichtiger Bereiche des Nationalparks und ist für viele Besucher die erste direkte Begegnung mit der Landschaft.

Mehrere Wanderungen beginnen an Bushaltestellen oder Parkplätzen entlang der Route.

Das Auto bringt allerdings keine zusätzliche Freiheit innerhalb des Schutzgebiets. Die Zahl der Parkmöglichkeiten ist begrenzt, und ausserhalb der vorgesehenen Bereiche darf nicht einfach angehalten oder übernachtet werden.

Wer mit dem Postauto reist, kann die Passlandschaft zudem betrachten, ohne sich auf die Strasse konzentrieren zu müssen.

Der Nationalpark und das Val Müstair gehören touristisch zusammen

Östlich des Ofenpasses beginnt das Val Müstair.

Das Tal eignet sich hervorragend als Ergänzung zu einem Nationalparkaufenthalt. Während im Park der strenge Wildnisschutz dominiert, zeigt das Val Müstair eine jahrhundertealte Kulturlandschaft mit Dörfern, Landwirtschaft, historischen Gebäuden und dem Kloster St. Johann in Müstair.

Der Beitrag „Verborgenes Val Müstair: Stille Natur, karolingische Kultur und echte Entschleunigung“ stellt Wanderungen, regionale Küche und Kulturziele im benachbarten Tal ausführlicher vor.

Gerade der Kontrast ist interessant: Auf der einen Seite eine Landschaft, in der Menschen seit Jahrhunderten wirtschaften, auf der anderen ein Gebiet, in dem sich die Natur seit 1914 möglichst selbst überlassen bleibt.

Eine Neuheit 2026: der Drei-Pärke-Weg

Seit 2026 gibt es eine neue Möglichkeit für erfahrene Wanderer, den Nationalpark in einen grösseren Zusammenhang einzuordnen.

Der Drei-Pärke-Weg verbindet den Schweizerischen Nationalpark, die Biosfera Val Müstair und den italienischen Nationalpark Stilfserjoch.

Die Route ist als viertägige Wanderung angelegt.

Sie beginnt in Zernez und führt über die Ofenpassregion, italienisches Gebiet und Livigno wieder Richtung Val Trupchun.

Jede Etappe widmet sich einem anderen Aspekt der Biodiversität.

Die Tour richtet sich ausdrücklich an erfahrene Wanderer. Sie ist kein Ersatz für einen kurzen Familienausflug, sondern eine mehrtägige Unternehmung mit entsprechendem Planungsbedarf.

Sport im Nationalpark: Wandern ja, vieles andere nein

Touristisch ist eine Besonderheit des Nationalparks entscheidend: Das Sportangebot innerhalb seiner Grenzen ist bewusst begrenzt.

Wandern und anspruchsvolleres Bergwandern sind die zentralen Aktivitäten.

Mountainbiken, Skifahren, Schneeschuhlaufen oder Klettern abseits ausgewiesener Routen passen nicht zum Schutzkonzept und sind nicht einfach als zusätzliche Freizeitangebote erlaubt.

Das unterscheidet den Nationalpark deutlich von vielen alpinen Ferienregionen.

Für sportlich orientierte Ferien lässt sich der Park jedoch gut mit der Umgebung kombinieren. Im Engadin und Val Müstair gibt es Mountainbike-Strecken, Wintersport, Langlauf und weitere Aktivitäten ausserhalb der streng geschützten Zone.

Der Nationalpark selbst bleibt der Ort für langsames Fortbewegen.

Im Winter gehört der Park weitgehend der Natur

Der Winter ist keine klassische Besuchssaison des Nationalparks.

Das Schutzgebiet darf nicht mit Ski oder Schneeschuhen durchquert werden. Die Wanderwege sind im Winter nicht regulär begehbar.

Diese Ruhephase ist für Wildtiere besonders wichtig.

Kälte, Schnee und knappes Futter machen den Winter energetisch anspruchsvoll. Jede unnötige Flucht kostet Tiere Energie, die sie in dieser Jahreszeit dringend benötigen.

Für Winterferien bieten sich deshalb die umliegenden Engadiner Orte an, während der Nationalpark selbst aus Distanz erlebt wird.

Frühling und Frühsommer: der Park öffnet sich langsam

Auch im Frühling ist nicht automatisch jeder Weg begehbar.

In höheren Lagen können Schnee, Lawinenreste und nasse Wegabschnitte lange bestehen bleiben.

Die Wandersaison entwickelt sich deshalb je nach Höhenlage und Witterung unterschiedlich.

Wer im Mai oder Juni anreist, sollte aktuelle Wegmeldungen besonders sorgfältig prüfen.

Der Frühsommer bringt gleichzeitig eine intensive Phase in der Tier- und Pflanzenwelt. Junge Tiere, frische Vegetation und lange Tage machen diese Wochen reizvoll, verlangen aber besonders rücksichtsvolles Verhalten.

Sommer: die grösste Auswahl an Wanderungen

Juli und August bieten normalerweise die grösste Auswahl an geöffneten Routen.

Die langen Tage ermöglichen auch anspruchsvollere Unternehmungen.

Gleichzeitig kann es in tieferen Bereichen warm werden. Steinböcke und andere Tiere ziehen dann häufig in höhere Lagen.

Gewitter gehören zu den typischen alpinen Risiken des Sommers. Früh starten und Wetterentwicklung beobachten ist deshalb besonders bei langen Touren sinnvoll.

Auch der Sonnenschutz wird in Höhenlagen schnell unterschätzt.

Herbst: Hirsche und goldene Lärchen

Für viele Naturfreunde ist der Herbst die eindrucksvollste Zeit im Nationalpark.

Ab Mitte September beginnt die Hirschbrunft. Besonders die Val Trupchun ist für dieses Naturereignis bekannt.

Später verfärben sich die Lärchen.

Goldene Wälder, erste Schneespuren in höheren Lagen und klare Luft erzeugen einen ganz anderen Eindruck als die grünen Sommermonate.

Allerdings werden die Tage kürzer und Temperaturstürze wahrscheinlicher. Touren müssen entsprechend früher beendet werden.


Im Spätherbst treffen gefärbte Wälder und erste Schneefälle aufeinander. Gleichzeitig werden Tage kürzer und einzelne Routen können bereits winterliche Bedingungen aufweisen.

Natur beobachten statt inszenieren

Die touristische Stärke des Nationalparks liegt gerade darin, dass Tierbeobachtungen nicht garantiert werden.

Niemand bringt einen Steinbock für ein Foto an den Weg.

Kein Murmeltier soll gefüttert werden.

Ein Bartgeier fliegt vorbei oder eben nicht.

Diese Ungewissheit verändert die Wahrnehmung. Ein plötzlich auftauchender Hirsch wird dadurch wertvoller als eine geplante Vorführung.

Hilfreich sind Geduld und ein gutes Fernglas. Wer früh beziehungsweise zu geeigneten Tageszeiten unterwegs ist und sich ruhig verhält, erhöht die Chancen auf Beobachtungen.

Die Rücksicht auf die Tiere bleibt wichtiger als das Foto.

Nationalparkzentrum als Alternative bei schlechtem Wetter

Ein Regentag muss keinen verlorenen Ferientag bedeuten.

Das Nationalparkzentrum in Zernez ist gerade dann eine gute Alternative.

Die Ausstellung erklärt Lebensräume, Forschung und Geschichte des Parks. Kinder erhalten altersgerechte Zugänge, während Erwachsene beispielsweise die langfristigen Veränderungen der Landschaft nachvollziehen können.

Der Informationsbereich ist sogar ohne Eintritt zugänglich.

Das Zentrum ist zudem sehr gut barrierefrei erschlossen. Das eigentliche Wanderwegenetz des Nationalparks ist dagegen weder für Rollstühle noch für Kinderwagen geeignet.

Diese Unterscheidung ist für die Reiseplanung wichtig.

Video: SRF zeigt die Wildnis des Schweizerischen Nationalparks



Die deutschsprachige SRF-Dokumentation „Naturpärke der Schweiz – der Schweizerische Nationalpark im Graubünden“ besucht den Park mit Rangern, Forschern und Moderatoren. Zu sehen sind unter anderem Murmeltiere, Hirsche, Steinböcke und Bartgeier. Gleichzeitig erklärt der Film, weshalb das seit 1914 geschützte Gebiet für die Langzeitforschung so wertvoll ist und wie sich Natur entwickeln kann, wenn menschliche Eingriffe auf ein Minimum reduziert werden.

Eine Reise lässt sich gut auf drei Tage verteilen

Wer den Nationalpark zum ersten Mal besucht, sollte nicht versuchen, möglichst viele Routen in einen einzigen Tag zu packen.

Drei unterschiedliche Tage vermitteln ein wesentlich vollständigeres Bild.

Tag 1: Zernez und ein erster Naturpfad

Der Aufenthalt beginnt im Nationalparkzentrum.

Dort lassen sich Wegzustände prüfen, eine Wanderkarte besorgen und bei Bedarf Feldstecher mieten.

Anschliessend eignet sich eine kürzere Route oder ein Familienweg wie Champlönch.

So entsteht ein erster Eindruck, ohne dass der Besuch bereits mit einer langen Bergtour beginnt.

Tag 2: Val Trupchun und Tierbeobachtung

Der zweite Tag kann ganz der Tierwelt gehören.

In der Val Trupchun lohnt es sich, mehr Zeit als für die reine Gehstrecke einzuplanen. Ein Fernglas und längere Pausen an zugelassenen Rastplätzen gehören zum Programm.

Im Herbst steht die Hirschbrunft im Mittelpunkt.

Tag 3: Ofenpass und Val Müstair

Am dritten Tag lässt sich eine Wanderung in der Ofenpassregion mit einem Abstecher ins Val Müstair verbinden.

Damit werden zwei unterschiedliche Formen alpiner Landschaft sichtbar: strenge Wildnis im Nationalpark und historisch gewachsene Kulturlandschaft im Tal.

Nationalpark und weitere Schutzgebiete vergleichen

Der Begriff Nationalpark wird international sehr unterschiedlich verwendet.

Manche Nationalparks besitzen Strassen, Hotels, Wintersportanlagen oder stark touristisch erschlossene Aussichtspunkte. Der Schweizerische Nationalpark verfolgt einen besonders strengen Ansatz.

Wer andere europäische Schutzgebiete kennenlernen möchte, findet im belmedia-Beitrag „Die schönsten 10 europäischen Nationalparks“ weitere Reiseideen und kann die unterschiedlichen Landschaften und touristischen Konzepte miteinander vergleichen.

Der Schweizerische Nationalpark fällt dabei gerade wegen seiner kompromisslosen Schutzregeln auf.

Was in den Rucksack gehört

Auch eine touristisch bekannte Nationalparkroute bleibt eine Bergwanderung.

Zur sinnvollen Grundausrüstung gehören:

  • stabile Wanderschuhe
  • warme Zusatzkleidung
  • Regen- und Windschutz
  • Sonnencreme und Kopfbedeckung
  • ausreichend Wasser und Proviant
  • Wanderkarte beziehungsweise offline verfügbare Routeninformationen
  • geladenes Smartphone
  • Fernglas für Tierbeobachtungen

Das Smartphone allein sollte nicht die gesamte Orientierung übernehmen. Innerhalb des Parks gibt es Bereiche ohne Mobilfunkempfang.

Die Nationalpark-App kann wichtige Informationen offline bereitstellen.

Warum die strengen Regeln Teil der Attraktion sind

Zunächst können die vielen Verbote ungewöhnlich wirken.

Kein Hund. Kein Feuer. Kein spontanes Picknick abseits des Wegs. Keine Mountainbikes. Keine Blumen als Souvenir.

Doch genau dadurch entsteht etwas, das in den Alpen selten geworden ist.

Auf grossen Flächen entscheiden weder Landwirtschaft noch Forstwirtschaft oder touristische Infrastruktur, wie die Landschaft aussehen soll.

Bäume dürfen altern und zerfallen. Wildtiere nutzen Räume ohne ständige Störung. Pflanzen bleiben stehen.

Die Regeln sind deshalb nicht der unangenehme Preis für ein Naturerlebnis.

Sie sind die Voraussetzung dafür.


Zwischen Ofenpass, Engadin und Val Müstair liegt eine Landschaft, in der der Schutz natürlicher Prozesse Vorrang vor touristischer Nutzung hat.

Im Schweizerischen Nationalpark ist Zurückhaltung das eigentliche Abenteuer

Der Schweizerische Nationalpark funktioniert anders als viele klassische Bergdestinationen.

Es gibt keine Bergbahn, die mitten in das Schutzgebiet führt, keine Bike-Trails durch die Wälder und keine Aussichtsterrassen auf jedem Gipfel. Stattdessen stehen 100 Kilometer Wanderwege zur Verfügung, von denen die Natur beobachtet werden kann, ohne sie beliebig zu betreten.

Gerade darin liegt die Stärke des Parks.

In der Val Trupchun lassen sich Hirsche und mit etwas Glück Steinböcke beobachten. Über den Bergen kreisen Steinadler und Bartgeier. Familien entdecken auf Margunet und Champlönch, wie spannend ein Wald wird, wenn Spuren und Zusammenhänge sichtbar werden.

Zernez schafft mit dem Nationalparkzentrum einen leicht zugänglichen Einstieg. Die Chamanna Cluozza ermöglicht eine seltene Nacht mitten im Schutzgebiet, während das benachbarte Val Müstair Kultur, Gastronomie und weitere Übernachtungsmöglichkeiten ergänzt.

Mit dem neuen Drei-Pärke-Weg lässt sich die Region seit 2026 sogar auf einer mehrtägigen grenzüberschreitenden Wanderung erleben.

Der Nationalpark verlangt dafür etwas, das im Tourismus nicht selbstverständlich ist: Zurückhaltung.

Auf dem Weg bleiben. Abstand halten. Nichts mitnehmen. Nicht jeden Ort betreten und nicht jede Aktivität ausüben.

Wer diese Regeln nicht als Einschränkung, sondern als Teil des Erlebnisses versteht, entdeckt eine der ungewöhnlichsten Landschaften der Schweiz: einen Ort, an dem der Mensch zu Gast ist und die Natur tatsächlich Vorrang hat.

 

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